Verweisung und Verstrickung. Hermeneutische und narrative Wissenschaftskritik

Trotz einer gegenseitigen Nichtbeachtung wurde die strukturelle Verwandtschaft der Existenzialanalytik Martin Heideggers (1889 – 1976) mit der ‚Philosophie der Geschichten‘ von Wilhelm Schapp (1884 – 1965) zwar häufig betont, doch kaum miteinander in Beziehung gesetzt.[1] Von den möglichen Vergleichsdimensionen soll hier die Wissenschaftskritik als zentraler Aspekt sowohl hinsichtlich einer ‚Transformation der Phänomenologie‘ als auch mit Blick auf damit verbundene Probleme des Verhältnisses von Philosophie und Wissenschaft(en) im Mittelpunkt stehen.

Prima facie lässt sich zunächst die Linie einer strikten Radikalisierung ziehen: Während ihr gemeinsamer Lehrer Edmund Husserl (1859 – 1938) bei allen Reformulierungen seines Programms noch am traditionellen Primat der Letztbegründung festhält, verschiebt sich die radikale Wissenschafts- und Metaphysikkritik bei Heidegger und Schapp über eine hermeneutische bzw. narrative Phänomenologie[2] hin zu einem ‚anderen Denken‘, das offenbar nicht mehr rational oder theoretisch einzuholen ist. Unter Verzicht auf Husserls Position soll hier aufgrund ihrer augenfälligen Nähe Heideggers und Schapps hermeneutische bzw. narrative Wissenschaftskritik in vier Schritten diskutiert werden:

 

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Methodischer Nihilismus. Zur Kritik der Werte bei Nietzsche und Heidegger

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Max Scheler
(1874 – 1928)

Im Vorwort zur zweiten Auflage seines Hauptwerkes zur materialen Wertethik schreibt Max Scheler: „Der Geist, der die hier vorgelegte Ethik bestimmt, ist der Geist eines strengen ethischen Absolutismus und Objektivismus.“ Zur dritten Auflage bemerkt der Verfasser einschränkend: „Wenn wir auch gelernt haben, uns um den ‘objektiven Gehalt’ der Werte zu bekümmern, so dürfen wir – sollen wir nicht in einen den lebendigen Geist erstarrenden Objektivismus und Ontologismus zurückfallen – das sittliche Leben des Subjekts als Problem nicht vernachlässigen.“[1] Die Objektivität der Werte und der Lebensvollzug des Menschen sind die beiden Pole, zwischen denen sich Schelers Denken bewegt und deren Vermittlung die Beschäftigung mit seiner Theorie immer wieder vor Probleme stellt. Eine andere Polarität betrifft seine historisch-systematische Stellung: Scheler steht zwischen Nietzsche und Heidegger – rezipiert und antizipiert viele ihrer Grundgedanken in seinen eigenen Entwürfen und bleibt dennoch mit seinem Anliegen des phänomenologischen Aufweisens einer Werteordnung den beiden ihm am nächsten stehenden Denkern merkwürdig fremd. Deren radikale Kritik am Konzept des Wertes überhaupt soll hier in wenigen Linien nachgezeichnet werden. Weiterlesen

Wissenschaft als Lebensform. Heidegger in Marburg

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Die philosophische Fakultät der Universität Marburg, in der ersten Reihe, Zweiter von links: Martin Heidegger (1927). (Aus: Karl Löwith: Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Frankfurt a.M. 1989.)

Im Jahr 2002 feierte Marburg das 475-jährige Jubiläum seiner Universität. Ein Dreivierteljahrhundert zuvor – also 1927 – nahm an der damaligen 400-Jahr-Feier auch ein Philosophieprofessor teil, dessen erstes großes Werk soeben erschienen war: ‚Sein und Zeit‘ von Martin Heidegger. Das unvollendete, in Sprache und Inhalt ungewöhnliche und teilweise sogar unverständliche Buch hat sich wie kein Zweites dem philosophischen Diskurs der Moderne eingeschrieben, da es akademischen Anspruch mit der Abgründigkeit existenzieller Krisenstimmung verbindet. Weiterlesen